Text
Statt Wildnis.
15, September – 18. November 2024
Über Angst und Gewalt um uns herum.
Die Gewalt unserer Belanglosigkeit macht uns zu willfährigen Mittläufern unserer kollabierenden Zivilisation. Unser Tun und Handeln bestrebt die Unterwerfung der Umkehrung jeder verschiedensten Ideale. Uns umgeben Standbilder einer von Ziellosigkeit getriebenen Fortschrittsvision. Wir verstummen wie paralysierte Hasen im Lichtkegel der plötzlichen Entdeckung. Haben wir Angst uns wahrzunehmen in der Erkenntnis überflüssig zu sein? Die ständige Erfahrung einer billigen Fassadenwelt lähmt den verkrüppelten Rest an Gestaltungswillen. Sklaven und Herrscher zugleich scheuen wir die Lebendigkeit der Wildnis. Aus Angst gefressen zu werden, fressen wir das Gefährliche auf.
Unsere Lebensorte ähneln immer mehr Lagern der Uniformität, in der die vielfältigen Bilder heraus- und weggezüchtet werden. Dogmatische Funktionalität von uns gesät unterwirft den massigen Stamm.
Die Fassaden sind Mittel der Verschleierung. Immer befällt uns das Gefühl von Armut, wenn wenn wir hineingehen, wenn wir ins Fassadeninnere eindringen, wenn der Funktionalismus jedweder Zivilisation beginnt, die Machen abzunehmen.
Maskerade. Die Stadt ist und war ein Ball der verdeckten Gesichter. Baumassnahme: eine Ausübung der Macht. Gewaltige Mahnmale einer Sammlung von Fehlentscheidungen. Allover. In all history. Überall ziert der Mensch die vernarbten Ausdrücke von Schmerz, Leid und Hoffnungslosigkeit. Die Blösse fehlt. Muss fehlen. Die zivile Gesellschaften feiern sich in schöngeistigen Inszenierungen. Gewalten schöpfen Gewalt. Zeitgenössische Tempel krönen ein großes Spiel der Blendungen, der Maskerade und der Suggestion von weltender Schönheit.
Maskiert ist die Scham, maskiert ist der Körper, maskiert ist die Angst vor der Wildnis. Die Angst vor der Rückkehr der Elemente. Menschen kreieren ihre eigene Schutzhaft. Bauen Bunker zu Schutze der Verwaltung der Ängste, die sie ahnen. Der Fortschritt nebelt uns längst nicht mehr in gebauten Historismen durch prächtige Überzeichnung der herrschenden Verhältnisse. Fortschritt macht schon lange keine zeitgenössischen Zugeständnisse mehr an seelische und geistige Entwicklngen in unserer Epoche. Sondern: Fortschritt zeigt ganz offen seine Fratze, das Gesicht der Gewalt, der obszönen Verteilung von Macht und Untertanentum. Gewalt als Tugend.
Diese Gewalt, die uns überall umgibt in unseren städtischen Lebensräumen, ist so gegenwärtig, offensiv aufdringlich drängend, dass wir diese gar nicht mehr wahrnehmen können. Wir erkennen unsere Mauern nicht, über die wir nicht mehr klettern vermögen. Arrangement mit dem Zustand. Wir verwalten uns.
Ein gewaltiger ungeheurlicher monströser Rangierbahnhof bestimmt uns und unseren Lebensraum.
Lebendig sind die Fassadenbauten nur in den Zeiten des Aufbaus. Baustellen sind Orte des Werdens. Baustellen sind die letzten Orte unserer Phantasie, unserer eigenen Vorstellungskräfte. Die Entstehung eines Bauwerkes überlässt uns lediglich die Position Zuschauer: Zuschauen am Prozess von scheinbarer Gestaltung; an der Entwicklung unserer Freiheitsberaubung. Wir sind die Schaulustigen, paralysiert, still, ehrfürchtig, völlig unbeteiligt am Geschehen. Wir schauen zu, wie wir ausgestoßen werden aus Wildnis und freier Natur. Wir schauen zu, wie ausder Verletzung unseres Bodens die Verhüllung von einer Gewalttat geboren wird, wir schauen zu, wie wir uns selbst begraben und diesem Grabplatz eine Fassade aufsetzen, einem Grabstein gleich.
Wir sind die Schaulustigen, die ihrem eigenem Begräbnis beiwohnen, vorgezäunte Figuranten, ahnungslos. Angst wird geboren, Todesangst. Urangst ohne Fluchtweg. Die Masken unserer Lebensorte vereiteln unsere Impulse, Urimpulse. Untermauerte Verschleierung einer verschleierten Unterdrückung. Einer Unterdrückung von natürlichem Widerstand: die Verwilderung. Freiheit der Natur. Zugelassen lediglich in Reservaten, irgendwo ausserhalb unserer urbanen Umgebungen, unser Idyllhöfe, irgendwo, kontrolliert von Wächtern, geleitet, geführt und geregelt von Ordnungshütern: internierte Wildnis, Internierungslager für die Natur. Umzäunt, gezähmt, ungefährlich.
Die Angst vor natürlicher Willkür, vor natürlichem Willen und der unberechenbaren Freiheit der Natur, ist der Auslöser für unsere eigene Kasernierung. Wir haben vor uns selber Angst. Wir kappen die Fluchtwege.
Wir kleben mit einer teerigen Monstersoße alle Störungen unseres Zusammenlebens zu. Die Luft die wir atmen besteht aus einem Gemisch aus unseren eigenen Auswürfen von Angst und Gewalt. Wir atmen ein Gas, das die Angst nährt, die uns zu Lakaien der Gewalt macht. Angst ist ein schlechter Gewinner.
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